Versuch ein unverständliches Land zu verstehen

Leistens "Argana" offenbart die Vielfalt und Eigentümlichkeit marokkanischer Lebensart

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Bereits vor dreißig Jahren hat der deutsche Schriftsteller Christoph Leisten seine Liebe zu Marokko entdeckt. Die vielfältigen Eindrücke, die er dort aufgenommen hat, haben sich seither sicherlich auch in seinen literarischen Werken niedergeschlagen. Doch erst in seinem 2005 erschienen Buch "Marrakesch – Djeema el Fna" wagte er es, einige seiner Marokkoerlebnisse in fragmentarisch prosaischer Form für seine deutsche Leserschaft als solche erkennbar zu offenbaren. 
Blieb er damals - scheinbar in Anlehnung an seine literarischen Vorbilder Elias Canetti und Hubert Fichte – bei der Stadt Marrakesch und ihrem zentralen, am häufigsten von Touristen, aber auch Künstlern aufgesuchten Platz als Erzählgegenstand stehen, offenbart er nun mit „Argana – Notizen aus Marokko“, welche Faszination das gesamte Königreich am Nordwestzipfel Afrikas mit seiner sowohl architektonischen als auch ethnisch-kulturellen Heterogenität auf ihn immer wieder ausübt.
Dabei unterscheidet sich seine prosaische Reiseliteratur deutlich von manch anderem, auf Auslandserfahrungen spezialisierten Autor, der in erster Linie bestimmte Kultstätten oder Sehenswürdigkeiten hervorhebt und hiervon seine eigene Wahrnehmung weitergibt. Leisten bewegen vielmehr die Menschen, die ihm begegnen, europäische Touristen ebenso wie gewöhnliche Marokkaner der verschiedensten Gesellschaftsschichten. 
Im selbstkritischen Bewusstsein, dass jedes Reisen und noch mehr dessen literarische Vermittlung ein Stück Kolonisieren beinhaltet, hält er sich mit Bewertungen der vielen, ihm ungewohnt und eigentümlich erscheinenden Ansichten und Verhaltensweisen so weit wie möglich zurück. Vielmehr ist er bereit, von dem vermeintlich „Fremden“ zu lernen und sich ein gewisses Staunen beizubehalten, das Raum lässt für neue Erfahrungen und damit auch für die Beleuchtung vergleichbarer Begebenheiten aus neuer Perspektive. 
Obwohl hauptberuflich Gymnasiallehrer tritt der Schriftsteller Leisten gegenüber der ihm mittlerweile nicht mehr ganz so fremden Kultur in keiner Weise mit einem belehrenden oder gar missionarischen Habitus auf, sondern ist bestrebt, dem zu Marokko unkundigen Europäer vielfach irrational Erscheinendem einen tieferen Sinn zu entlocken. Dieser Sinn ist ihm offenbar auch für den insgesamt höheren Stellenwert der Religion nicht entgangen, gegenüber dem das vielfach anzutreffende Verständnis von Säkularität in seinem Heimatland als religiöse Gleichgültigkeit – man möchte nicht sagen Ignoranz erscheint. 
Mit dieser besonderen Wertschätzung für die in Marokko bis ins Alltagshandeln hinein spürbare, nicht nur auf eigene Verbindung zum Transzendenten, sondern auch auf Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit hinauszielende Islampraxis hebt sich der Autor zudem von zahlreichen westlichen Intellektuellen und Schriftstellern unserer Zeit ab, die der orientalischen Gesellschaft und darüber hinaus dem Islam als Religion implizit eine atavistische Grundtendenz unterstellen. 
Seit den Sylvesterübergriffen in Köln, bei denen der überwiegende Teil der Täterschaft offensichtlich maghrebinische Wurzeln besaß, hat sich dieser überheblich wirkende Diskurs im deutschsprachigen Raum teilweise sogar speziell in die Blickrichtung auf Marokko ausgedehnt. Leistens Rückschau auf über dreißig Jahre intensive reale Marokkoerlebnisse stellt hierzu einen Kontrast dar, wie er kaum größer sein könnte. Wählt er einerseits mit Argana ausgerechnet den Namen jenes Cafés in Marrakesch, das 2011 Ziel des letzten Terroranschlags in Marokko gewesen ist, als Titel aus, stellt er andererseits in bewegender Weise heraus, wie sehr die Terroranschläge im Deutschland der frühen 1980er Jahre die marokkanische Jugend beunruhigt haben.
In Szenen wie der beschriebenen Begegnung mit marokkanischen Jugendlichen, aber auch mit seinen zahlreichen Hinweisen auf eine von der Mehrheitsgesellschaft weitgehend respektierte und sogar gewürdigte jüdische und christliche Minderheit mit ihren kulturellen Beiträgen lässt Leisten erkennen, dass für ihn das Mitgefühl und die Weltläufigkeit der marokkanischen Gesellschaft die Hauptanziehungskraft ihres Landes bedeuten. 
Er nimmt in den dreißig Jahren auch eine sowohl technische als auch gesellschaftspolitische Entwicklung im Königreich wahr, die ihn davor bewahrt, Marokko in irgend einer Weise Rückständigkeit zu unterstellen. 
Ungelöste gesellschaftliche Probleme wie verbreitete Armut sind ihm jedoch nicht entgangen, was in seiner ausführlichen Beschreibung der mannigfaltigen Bettlerexistenzen in den marokkanischen Städten zum Ausdruck kommt. Dabei bleibt er sich bewusst, Marokko nie hundertprozentig verstehen zu können. Schließlich haben die Marokkaner ihm vermittelt, sie selbst verstünden ihr Land nicht. Wie könnte er als einer „von außen“ und „Gast“, als der er sich in Marokko bis heute immer noch angesehen zu werden beansprucht, seine Gastgeber verstehen, wenn diese sich selbst nicht verstehen?
Den Versuch zu verstehen, was eigentlich unverständlich bleiben muss, lässt er jedoch niemals aus und sieht jedes Scheitern stets als Ansporn für ein neuen Versuch an. „Argana“ zeigt diese nun über drei Jahrzehnte dauernde Experimentierphase an, die sich dabei auch nur als Zwischenergebnis eines lebenslangen Prozesses darstellt.
Indem er seine Leser einlädt, die weiteren Experimente in und mit Marokko mit ihm gemeinsam durchzuführen, ist er zugleich Botschafter für eine unvoreingenommene Begegnung zwischen Marokkanern und Deutschen, die, anstatt den jeweils anderen und seine Kultur für sich zu vereinnahmen, gerade das Fremde und scheinbar Unerklärliche als reizvoll anerkennt.
Mohammed Khallouk, 01.06.2016

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