Nachschlagewerk über den Islam in Deutschland in seiner Bandbreite

 

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Über Islam und Muslime sind in der deutschsprachigen Literatur die letzten Jahre unzählige populärwissenschaftliche Werke erschienen. Die meisten davon bleiben jedoch an bestimmten Einzelphänomenen hängen und konzentrieren sich zudem nicht speziell auf Deutschland als Betrachtungsraum. Auch sind darin wertende – nicht selten abwertende Statements verpackt, die dem Leser bereits von vorn herein eine bestimmte Sichtweise auf die islamische Religion und ihre Anhänger aufzudrängen suchen. Von diesem wissenschaftlich fragwürdigen Stil hebt sich das kürzlich erschienene Buch „Der Islam in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme“ des Erlanger Rechtswissenschaftlers und Experten für islamisches Recht Matthias Rohe erfreulicherweise ab.

In Form eines Nachschlagewerkes präsentiert Rohe den Islam in Deutschland, wie er tatsächlich ist, nicht wie er oder wir Leser ihn gerne sehen mögen. Das gesamte Werk hindurch lässt er dabei erkennen, dass er in erster Linie Jurist und kein Islamwissenschaftler, geschweige denn Islamtheologe ist. Inhaltliche Erörterungen zu Glaubensfragen überlässt er den Muslimen selbst. Sein Ziel beschränkt sich zudem auf die angekündigte Bestandsaufnahme und lässt einen erzieherischen oder gar missionarischen Anspruch außen vor. Allenfalls zeigt er anhand einiger Beispiele, wie sich aus der Religion möglicherweise ergebende Konflikte für Muslime mit der Staats- und Gesellschaftsordnung in Deutschland auf praktische Weise lösen lassen. Seine Lösungsansätze sind jedoch ohne belehrenden Habitus und könnten prinzipiell ebenso für jede andere Religionen verfasst sein.

Das Buch besteht insgesamt aus sechs Teilen. Nach einem historischen Abriss über die Begegnung Deutscher mit Islam und Muslimen vom ersten Kulturtransfer zwischen Orient und Oxident im Frühmittelalter bis zu den Orientalisten des neunzehnten Jahrhunderts, geht er im zweiten Teil auf die spezifische Geschichte der Muslime in Deutschland ein. Er veranschaulicht die breite Palette religiöser und soziokultureller Prägungen unter in Deutschland lebenden Muslimen im dritten Teil, wobei er beide Prägungen und die sich daraus ergebenden Verhaltens- und Einstellungsmuster stets voneinander zu unterscheiden versteht. Der vierte Teil ist den verschiedenen verbandsmäßigen islamischen Organisationen in diesem Land gewidmet, bevor auf das Verhältnis zwischen Islampraxis und deutscher Rechtsordnung eingegangen und im abschließenden Teil Perspektiven eines förderlichen Zusammenlebens zwischen Muslimen und Nichtmuslimen aufgezeigt werden.

Dass letztere für ihn als Lehrstuhlinhaber für Jura in der Tat bestehen, straft jene pseudointellektuellen Publizisten bereits Lügen, die immer wieder prinzipielle Gegensätze zwischen islamischer Lehre und freiheitlich demokratischer Grundordnung in Deutschland herbei konstruieren. Den Stereotypen einer vom Mann unterdrückten muslimischen Frau oder einer Grundtendenz des Islam zu politischer Autokratie stellt sich Rohe lobenswerterweise eindeutig entgegen. Gehindert sieht er sich dadurch jedoch nicht, einige, unter Muslimen hierzulande anzutreffende, mit der Religion gerechtfertigte skeptische Grundeinstellungen auf die gesellschaftliche Moderne, insbesondere auf moderne Bildung zu kritisieren.

Insgesamt erweist sich das Buch nicht nur als ein auf umfangreiches Quellenmaterial sich stützendes Nachschlagewerk über den Islam in Deutschland, sondern stellt darüber hinaus ein aufrichtiges Plädoyer für eine Säkularität dar, die vielfältig praktizierter Religion in der Öffentlichkeit wie im Privaten ihren Raum lässt. Auf diese Weise kann das förderliche Nebeneinander verschiedener Religionen und Weltanschauungen gelingen.

D.C. Redaktion, 20.12.2016

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