Leopold Weiss - Wie ein Oxidentale im Orient seine Identität findet

 

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Verfolgt man die täglichen Nachrichten, bekommt man häufig den Eindruck, dass die Muslime und Araber ausschließlich im Kampfe Leidenschaft entdecken könnten. Leidenschaftslosigkeit ist im Europa der Neuzeit aber mindestens genauso verbreitet. Das betraf zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts auch das Judenviertel im damals zur Habsburger Doppelmonarchie gehörenden heute ukrainischen Lemberg. Obgleich mit einem Großvater als Rabbiner mit transzendenten Fragen von Kindheit an konfrontiert, suchte der dort aufgewachsene Leopold Weiss zunächst in Wien und in der Freudschen Psychoanalyse seine Bestimmung. Bald erkannter er aber, dass das intellektuelle Graben in der Psyche des Menschen, das Individuum, sein Wesen und seine letzte Bestimmung nicht würde vollständig erfassen können.

Weiss zog zunächst nach Berlin, wo er als Journalist und Filmregisseur arbeitete. Die 1922 erfolgte Einladung seines Onkels, ebenfalls eines glühenden Freud-Verehrers, nach Jerusalem änderte jedoch schlagartig sein Leben. Er lernte die Lebensfreude und Weltzugewandtheit der arabischen Beduinen kennen und fragte sich, weshalb bei ihnen nicht so eine geistige Leere zu spüren war wie im Großstadtleben der europäischen Zwischenkriegszeit. Die Erklärung fand er im Islam und entschied sich vier Jahre später, zurück in Berlin, selbst zum Islam zu konvertieren und fortan den Namen Muhammad Asad anzunehmen.

Seine Reportertätigkeit und seine Liebe zur nahöstlichen Gesellschaft und zur Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ließen sich wunderbar miteinander verbinden. Er verbrachte mehrere Jahre in Saudi-Arabien, wo er auch seine Hadsch vollzog. Dabei knüpfte er sogar eine persönliche Freundschaft zum damaligen König des Landes ibn Saud. Den saudischen Wahabismus empfand er anfangs als innerislamische Erneuerungsbewegung, bis er ernüchtert feststellen musste, dass diese Rigidität die intellektuelle Offenheit, die er aus eigener Lektüre mit dem Islam verband, nicht bieten konnte.

Er wandte sich von Saudi-Arabien ab und zog nach Indien. Trotz seiner jüdischen Wurzeln als nominell österreichischer Staatsbürger musste er dort während des Zweiten Weltkrieges in ein britisches Internierungslager, bevor er auf Ratschlag von Muhammad Iqbal, mit dem er eine Lebensfreundschaft knüpfte, sich am Staatsaufbau und der Erstellung der Verfassung für das neu entstehende Pakistan beteiligte. 1949 wurde Asad sogar erster pakistanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York.

Die hierbei zwangsweise erfolgte erneute Konfrontation mit Vertretern seiner westlichen Ursprungskultur animierter ihn wieder schriftstellerisch aktiv zu werden und die Hintergründe seiner Konversion seinen abendländischen Lesern zu offenbaren. In seinem bedeutendsten Werk „Der Weg nach Mekka“ zeichnet er in poetisch bildhafter lebendiger Sprache sein Leben, seinen Weg zum Islam, seine Erkenntnissuche und Identitätsfindung wieder. Er vermittelt dabei einen Eindruck, wie der Orient sein könnte, wenn die Menschen dort nur den Maßstäben ihrer eigenen Religion als Kollektiv folgen würden.

Folgt man seinen Schilderungen, erkennt man, wie sehr ihn die „unverbrüchliche Einheit von Körper und Seele“ am Islam beeindruckt hat, wobei das Seelische jedoch das Endziel darstelle. Hierin sah Asad sozusagen einen gesunden Mittelweg zwischen einer im Christentum bisweilen wahrgenommenen Leibfeindlichkeit und der zu sehr aufs Befriedigen körperlicher Triebe hinauslaufenden modernen profanen Konsumkultur. Die im Islam erlebte Brüderlichkeit bewertete er zudem als Kontrapunkt zum Auserwähltheitsglauben des Judentums, den er als eine wesentliche Ursache für den in seiner Zeit ausbrechenden Nahostkonflikt wahrnahm.

Mit den Muslimen seiner Gegenwart ging er jedoch ebenfalls hart ins Gericht. Eine buchstabengetreue Nachfolge von Schriften und Anforderungen Jahrhunderte alter Rechtsschulen seien für ihn Ursache einer allmählichen geistigen Erstarrung der Islamischen Welt. Er bevorzugte deshalb eine Rückbesinnung auf das vernunftbegründete Islamverständnis der Mutaziliten. Eine freie rationale Orientierung an den religiösen Quellen öffne den Menschen beständig für die Anforderungen von Gegenwart und Zukunft.

Zwar hat Asad im Islam seine Identität und auch seinen Lebensinhalt gefunden. In seinem Buch offenbart er sich dem Leser jedoch zugleich als fortan Suchender, denn Islam stelle zwar auch für ihn ein Synonym für Wissen dar, das absolute Wissen besitze jedoch nur Gott selbst. Der Mensch könne sich im irdischen Leben durch Studium und Erkenntnissuche diesem Absoluten nur annähern und bleibe auch, wenn er die Kaaba in Mekka mehrfach umrundet habe, stets auf dem Weg.

D.C. Redaktion, 14.01.2017

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